Wilhelm Busch und “das Deutsche” (2)
aus: Der Geburtstag, zweites Kapitel: Nächtliche Politik

“In Ängsten findet manches statt, was sonst nicht stattgefunden hat.”
Busch und die Gesellschaft
Ein zeittypisches – und so im 19. Jahrhundert nur in Deutschland zu beobachtendes – Phänomen ist die apolitische Haltung von Schriftstellern, die auch für Busch charakteristisch ist. Bei ihm drückt sich das aus in einer schon beim Erscheinen seiner Werke nicht mehr zeitgemäßen Biedermeierlichkeit, einer Sehnsucht nach dem Glück im Winkel. Seine comédie humaine findet nicht in einer Weltstadt wie Paris statt, sondern irgendwo in der Provinz. Diese Darstellung war schon bei ihrem Erscheinen so überholt, dass sie gar nicht mehr altern, wohl aber überdauern, so unverortet, dass sie überall spielen, so abstrakt, dass sie Allgemeingültigkeit beanspruchen konnte. Und gerade dieses geringe Maß an Welthaltigkeit und Aktualität hat etwas Spezifisches, das so in der französischen, englischen, italienischen etc. Literatur und Publizistik nicht zu finden ist. Hier spricht der deutsche Autor, dem es ferne liegt, die Teilhabe an den politischen Geschäften einzufordern, von denen ihn der Obrigkeitsstaat ausschließt. Er zieht sich lieber zurück in die kleine Alltagswelt, beschränkt sich auf Familie und Dorf, denn das ist seine Welt, und sonst gar nichts.
Von der Sehnsucht nach dem Glück im Winkel war die Rede, doch einfach glücklich ist man nicht in dieser kleinen Welt, denn Gewalt, Sadismus und Schadenfreude sind in ihr allgegenwärtig und das Dichten und Trachten der Busch-Helden ist böse von Jugend auf (“Tugend will ermuntert sein, Bosheit kann man schon allein!”). Menschliche Unzulänglichkeit und Sündhaftigkeit werden illusionslos dargestellt (“Denn der Mensch als Kreatur // hat von Rücksicht keine Spur.”/ “Der Beste muss mitunter lügen; // Zuweilen tut er’s mit Vergnügen.”). In dieser in vieler Hinsicht lutheranisch-deutschen Weltsicht gibt es allerdings beim religionskritischen Humoristen keine Gnade (“Wer in Glaubensfragen den Verstand befragt, kriegt unchristliche Antworten.”). An deren Stelle tritt eben, so will uns scheinen, der Humor. Befreiendes Lachen statt Erlösung. Weil es auch keine ewige Verdammnis gibt, steht der Ausweg des Lachens stets offen. Das führt zwar nicht in den Himmel, sorgt aber dafür, dass diese Welt eben doch alles andere als nur ein Jammertal ist. Es erlaubt Genuss und doppeltes Amusement: man kann sich (gelegentlich) in ihr verlustieren und sich (permanent) über sie lustig machen. Die Welt eines (deutschen) Humoristen ist ambivalent, ihre Katastrophen und ihre von Grund auf problematische Einrichtung sind eben zugleich Quellen von Komik und ununterdrückbarem Lachen. Und da wir schon beim “Unterdrücken” sind, muss auch der erwähnte Autoritarismus noch einmal angesprochen und relativiert werden. Denn das Lachen ist der natürliche Feind jeglicher Autorität. Die hält es immer mit dem Ernst, weil der zuverlässiger, berechenbarer ist. Das Lachen lässt sich prinzipiell nicht kontrollieren, ist eben ununterdrückbar.
Wer will denn bestimmen, worüber der Leser lacht? Zum Beispiel bei Max und Moritz: Lacht er vor allem schadenfroh über die am Ende ihrer gerechten Bestrafung zugeführten Lausbuben? Das höhnische, sadistisch-lautmalerische “Ricke racke, ricke Racke, geht die Mühle mit Geknacke” lädt ihn gewiss dazu ein. Mit hoher Wahrscheinlichkeit lacht er aber (mit vollem Einverständnis des Autors) entschieden mehr über die gelungenen Streiche der beiden aufmüpfigen Anarchos.
Von der Hervorhebung der tragisch-pessimistischen Weltsicht Wilhelm Buschs in der deutschen Kritik war bereits die Rede. Es gibt aber auch einen anderen Rezeptionsstrang. In den stürmischen 1960er Jahren zum Beispiel bedienten sich rebellische Texter und Zeichner gerne bei ihm, um ihre antiautoritäre Kritik witzig zu formulieren, etwa Klaus Budzinski und Rainer Hachfeld mit ihrem “Marx und Maoritz“. Und anno 2007 zeugte im Wilhelm-Busch-Museum anlässlich von des Meisters 175. Geburtstag insbesondere Ralf Königs Adaptation von köstlicher Respektlosigkeit und spielerischer Lust an Wort und Bild. Auch das gehört zum Nachleben Buschs, auch das ist Teil deutscher Tradition. So einfach sind eben weder der Großmeister des (deutschen) Humors noch “deutsches Wesen” auf einen Nenner zu bringen. Zu unserem Glück.
[Walther Fekl, unter schamloser (wenn auch vom Autor gebilligter) Ausschlachtung der unten aufgeführten Habil.-Schrift von Daniel Poncin]
Literatur:
- Klaus Budzinski/ Rainer Hachfeld: Marx und Maoritz. Eine Bubengeschichte in sieben Streichen nach Wilhelm Busch für Erwachsene umfunktioniert von K.B. und R.H., Bern usw.: Rütten und Loening Verlag, 1969.
- Ralf König u.a.: Wilhelm Busch und die Folgen (Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Wilhelm-Busch-Museum Hannover), Köln: Egmont 2007.
- Daniel Poncin: “Germanité” de Wilhelm Busch. Thèse, Université de Paris VII, 1988.
- Gert Ueding: Wilhelm Busch. Das 19. Jahrhundert en miniature. Frankfurt/ Main: Insel 2007.
- ZEIT Geschichte 4/ 2007: Wilhelm Busch. Das Genie des Humors: Sein Leben, seine Kunst, seine Epoche.
- Die Busch-Zitate entstammen der “Wikiquote: Wilhelm Busch – Zitate” (30.12. 2007)
Repro: Das große Wilhelm-Busch-Album in Farbe. Stuttgart: 1980.
