Wilhelm Busch und “das Deutsche”
Wilhelm Busch zum hundertsten Todestag,
mit den besten Wünschen für ein langes Nachleben.
Für (und dank) Daniel, in alter Freundschaft

aus: Der Geburtstag oder Die Partikularisten
Wenn es ein halbwegs zuverlässiges Kriterium für die Popularität eines Autors oder eines Textes gibt, dann ist es die Häufigkeit, mit der er zitiert wird. Die Spitzenreiterpositionen in einem solchen Popularitätswettbewerb dürften Goethe (vor allem mit dem “Faust”), Schiller und Wilhelm Busch gehören (vor allem natürlich mit “Max und Moritz”, aber auch mit der “Frommen Helene” und den anderen Bildgeschichten). Wenn man nun noch die soziologische Breitenwirkung berücksichtigt, also die Verbreitung in möglichst vielen Schichten der Gesellschaft, dann dürfte Wilhelm Busch die Siegespalme gebühren. Diese Popularität im deutschen Sprachraum kontrastiert in eigentümlicher Weise mit einer gegen Null tendierenden Bekanntheit in anderen Ländern. Wilhelm Busch ist also ein wesentlich deutsches Phänomen. Deshalb sollte es möglich sein, an seinem Beispiel etwas von dem zu erfassen, was als “typisch deutsch” gelten konnte und kann.
Wir wollen zwar nicht in die Bestimmung eines überzeitlichen “deutschen Wesens” verfallen, aber immerhin dürfte sich an seinem Beispiel am ehesten bestimmen lassen, welche Eigenschaften, Merkmale, Werte, Tugenden und Laster zwar gewiss nicht nur hierzulande vorkommen, sich aber hier über einen längeren Zeitraum einer besonderen Verbreitung erfreuen. Dem wollen wir ein wenig nachspüren, denn Wilhelm Busch untersuchen, das ist ein wenig wie Deutschland den Puls fühlen. Das Resultat mag nicht immer witzig sein, doch dafür haben wir ja weiterhin ihn selbst, den Urvater der Comics, dessen 175. Geburtstag im letzten Jahr zu feiern war und der heute vor 100 Jahren starb, unser Doubleyou Busch.
Humorist und pessimistischer Philosoph
Dass ein Humorist zu den populärsten deutschen Autoren gehört, ist für sich schon einmal bemerkens- und lobenswert. Denn dieses Faktum widerspricht einem im Ausland weit verbreiteten Stereotyp, dem der humorlosen Deutschen, das wir uns im Lauf der Zeit auch selbst weitgehend zu eigen gemacht haben. Grüblerischer Ernst, abgründige Seelentiefe und dogmatische Schärfe gelten weithin eher als charakteristische Eigenschaften der Nation denn Humor, Unernst und spielerischer Umgang mit der Sprache, wie unser Autor sie praktizierte. Beweist nun Buschs Popularität, dass Deutschland als ein verkanntes Land des Humors zu betrachten ist? Das wäre doch etwas vorschnell geurteilt. Zum einen kann die einsame Sonderstellung des Humoristen Busch auch als die (unernste) Ausnahme betrachtet werden, welche die Regel (deutsche Ernsthaftigkeit) bestätigt. Zum anderen ist zu beobachten, dass die Kritik in Deutschland schon sehr früh damit begann, aus Buschs Werk eine ernsthafte und ernst zu nehmende Philosophie herauszudestillieren. Buschs eingehende, wenn auch späte Befassung mit dem Werk Schopenhauers bietet hierfür auch einen biografischen Ansatzpunkt.
Der Gipfel der Vereinnahmung des Humoristen für eine wenig humorkompatible Weltanschauung wurde, wie könnte es anders sein, im “Dritten Reich” erklommen. Für den Nationalsozialismus war der Bildgeschichtenerfinder gar “als Deutscher der unvermeidbare Philosoph” und die Form seines Humors die denkbar deutscheste. Er wurde im Dritten Reich zum Kronzeugen für eine tragische Daseinsauffassung, die den Kampf auf Leben und Tod in den Mittelpunkt stellte (vgl. etwa den “Völkischen Beobachter” vom 9. 1. 1935: “Wilhelm Busch der Deutsche. Zu seinem Todestag am 9. Januar”).
Schon lange bevor derartige ideologische Verzeichnungen erschienen, hatten sich freilich Satiriker wie Th. Th. Heine und Kurt Tucholsky über all die deutschen Kritiker lustig gemacht, die einem Autor erst einmal tierischen Ernst andichten müssen, bevor sie ihn hochschätzen können. Tucholsky lobte sich dagegen das Volk, das über die Bildgeschichten eben einfach herzlich lacht. Nichtsdestotrotz bleibt festzuhalten, dass die Konstruktion eines Dichterphilosophen, dessen deutscher Humor mit dem oberflächlichen welschen esprit kontrastiere, zu den Konstanten der wissenschaftlichen und (hoch)kulturellen Busch-Rezeption bis in die Zeit nach dem 2. Weltkrieg zählt. Auch ist schwerlich zu bestreiten, dass die Rede vom Pessimisten Busch nicht nur in den (weniger bekannten) autobiografischen und sonstigen ernsthaften Texten, sondern durchaus auch in den populären Bildgeschichten so manche Stütze findet. Das schließt freilich Humor und Komik keineswegs aus. Was der Komödien- (und Grotesken-) Autor Friedrich Dürrenmatt als Teil seiner eigenen Poetik formuliert hat, lässt sich ebenso gut auf unseren Humoristen anwenden: Eine Geschichte ist erst dann zu Ende erzählt, wenn sie ihr schlimmstmögliches Ende gefunden hat.
(Fortsetzung folgt)
Repro: Das große Wilhelm-Busch-Album in Farbe. Stuttgart: 1980.

Busch und die Nazis. Es ist eine merkwürdige Koinzidenz, das das Wort “Nazi” bereits bei Busch auftaucht, also seiner eigentlichen Zeit weit vorausgeht, wenn auch in anderem Zusammenhang natürlich. In der als “Allegorisches Zeitbild” untertitelten Bildergeschichte “Pater Filucius“, in der auch ein Gottlieb Michael als deutscher Michel auftaucht, heißt es:
“Einer heißt der Inter-Nazi
Und der zweite Jean Lecaq,
Alle beide wohl zu brauchen,
Denn es mangelt Geld im Sack.”
Gemeint sind in dem allegorischen Zeitbild die “Internationalen” und die Franzosen, die vom Jesuiten-Pater Filucius als Störenfriede eingesetzt werden. Doch der deutsche Gottlieb Michael wird von Base Angelika, die die freie Staatskirche der Zukunft (Anglikaner?) symbolisieren soll, gewarnt und wirft die ganze Bagage zum Fenster hinaus.
Man muss die Zeitgeschichte durchschauen, um diese Bildergeschichte zu verstehen. Deutsche und Franzosen betrachteten sich im 19. Jahrhundert als “Todfeinde” und das Internationale war wie das Globalisierte heute ebenfalls suspekt. Leider kann ich nicht mehr dazu sagen.
“Gehören Max und Moritz ins Erziehungscamp?” fragt sich die Welt Online. Denn schließen seien die beiden “Die berüchtigsten jugendlichen Intensivtäter der deutschen Literaturgeschichte”.