Von den Fischer un syn Teppich
Ein Rätsel: Im hohen Norden, im Ostseeraum, gibt es einen Einrichtungsgegenstand, der ist nicht von IKEA. Die Menschen in Vorpommern feiern in diesem Jahr den 80. Geburtstag dieses Einrichtungsgegenstandes. Das Ding, um das es geht, wurde ursprünglich von Fischern hergestellt. Sowohl Hermann Göring als auch Walter Ulbricht sollen so ein Ding besessen haben.
Na, alles klar? Nein? Die Antwort lautet: Fischerteppich. Nie von gehört? Ich bis vor kurzem auch nicht, aber Fischerteppiche sind fantastisch!
Im Jahre 1928 gab es im südlichen Ostseeraum ein dreijähriges Fischfangverbot. Damit die Fischer aus Freest, Lubmin und Spandowerhagen nicht in ihrer Arbeitslosigkeit verhungern, kam der zuständige Landrat Werner Kogge in Greifswald auf die Idee, die Fischer Teppiche knüpfen zu lassen. Immerhin hätten diese Erfahrungen im Knüpfen und Flicken ihrer Netze. Durch eine überregionale Zeitungsannonce kam man in Kontakt mit dem österreichischen Teppichknüpfer Rudolf Stundl. Stundl wurde zum künstlerischen und organisatorischen Leiter der Teppiche knüpfenden Fischer. Er entwarf sowohl die borealen Ornamente als auch die Hochwebstühle für die niedrigen Fischerkaten, denn Fischerteppiche werden in Heimarbeit gefertigt.
Infolge der von Hand erfolgten Herstellung mit reiner Schafwolle und Hanf werden die Fischerteppiche auch als “Ostsee-Perser” bezeichnet. Sie unterscheiden sich von diesen jedoch weniger im Preis als vielmehr in ihren Motiven. Statt Arabesken und Schnörkeln tragen die Fischerteppiche maritime Ornamente. So gibt es Fische, die zu Blumen und Herzen angeordnet sind oder Anker, die als Zwei- oder Vieranker die Zwischenräume ausfüllen.
Schon bald waren die Fischerteppiche so beliebt, dass die Staatsoberhäupter der beiden deutschen Diktaturen darauf standen. Für den Reichsjägermeister Hermann Göring wurde ein spezieller Jagdteppich angefertigt, der statt maritimer Ornamente Hirsche, Eichhörnchen und Eichenlaub aufweist. Rund 8000 – 9000 Teppiche wurden innerhalb der zurück liegenden 80 Jahre von den Fischern und deren Frauen geknüpft. Auch der Freund der Jagd Erich Honecker soll ab und an auf einem Freester Fischerteppich geblieben sein.
Am ortsbestimmenden Adjektiv scheiden sich die Geister. Freester oder Pommersche Fischerteppiche – so lautet hier die Frage. Zwischen den Hansestädten Greifswald und Wolgast ist die Bezeichnung Freester Fischerteppich üblich, zwischen Wolgast und Lassan ist hingegen von Pommerschen Fischerteppichen die Rede. Freester Fischerteppich klingt wie Königsberger Klops, eine einprägsame Alliteration verweist auf den Ursprung. Die Gegenseite argumentiert, dass der Fischerteppich weder in Freest erfunden noch ausschließlich dort produziert wurde. Wie auch immer.
Aktuell gibt es im Rahmen des 80jährigen Jubiläums unter dem Motto “Wi knüppen und wäben en Teppich för’t Leben” eine Wanderausstellung in Ostvorpommern zu sehen. Bis zum 25. September weilen die magischen Teppiche in Mölschow auf Usedom, dann geht es nach einmonatiger Pause weiter zum Steintor in Anklam. Wer sich seit eben auch für Fischerteppiche interessiert, der sollte mal hier reinschauen oder das da lesen.


Wer sich weiterhin für Fischerteppiche interessiert, dem sei ein Artikel von Christine Senkbeil in der Pommerschen Kirchenzeitung empfohlen:
“Ein Zentner Kohlen für die Knüpfer” – Wie der Krösliner Altarteppich entstand.