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Vertrieben, aber nicht aus den Köpfen: Erwin Panofsky

Vertrieben, aber nicht aus den Köpfen: Erwin Panofsky
In dieser Reihe wurden bereits recht unterschiedliche Emigrantensschicksale vorgestellt. Alexander Grothendieck, der noch lebt, wurde als Kind vom Leben in Versteck und Exil geprägt, der Sportreporter Walther Bensemann starb bereits kurz nach der Vertreibung, Alfred Lion wurde zum erfolgreichen Unternehmer, Hans Sahl vertritt die Gruppe derjenigen, die vom Exil aus der Bahn geworfen wurden. Erwin Panofsky steht seinerseits für eine Gruppe von Wissenschaftlern, die glücklicherweise ihre Karriere relativ ungebrochen im Ausland fortsetzen konnten. Deren erfolgreiches Wirken macht besonders deutlich, inwiefern die Barbarei der Vertreibung eben auch ein beispielloser Akt der Selbstverstümmelung war.

Als amerikanisch-deutscher oder gar als amerikanischer Kunstwissenschaftler – mit oder ohne Zusätzen wie „deutsch-jüdischer Herkunft” – findet sich der gebürtige Hannoveraner in verschiedenen Nachschlagewerken verzeichnet. Der Name Panofsky liefert aber auch einen starken Beleg dafür, dass die deutsche Selbstenthirnung vielfach nicht von Dauer war. Denn es sind nicht zuletzt deutsche Kunst-, Medien- und Kulturwissenschaftler, die das Werk des großen Neuerers produktiv weiter entwickel(te)n.

Der 1892 geborene Panofsky, der nach 1933 kein Deutscher mehr sein sollte, promovierte mit einer Arbeit über Dürer, der so oft als „typisch deutscher” Künstler betrachtet wird. Die Frühneuzeit blieb eines seiner zentralen Arbeitsgebiete, und anhand der Renaissance-Kunst entwickelte er seine bedeutendsten theoretischen Einsichten. Mit Arbeiten wie Die Perspektive als symbolische Form wurde aus der Kunstgeschichte eine Bildwissenschaft und in weiten Teilen auch schon das, was heute mit dem Begriff der Kulturwissenschaft bezeichnet wird. Panofsky stand freilich nicht allein, sondern er gehörte mit Ernst Gombrich, Fritz Saxl, Aby Warburg und anderen zum Umfeld der berühmten Hamburger Warburg-Bibliothek, die zusammen mit den meisten ihrer Mitarbeiter 1933 die Hansestadt Richtung London verließ.

Panofsky selbst ging in die USA. Er lehrte zunächst in New York, dann am Institute for Advanced Studies in Princeton. Hoch angesehen und vielfach ausgezeichnet starb er im Jahr 1968. Eine seiner wesentlichen Leistungen ist die theoretische Ausformulierung des Programms der Ikonologie, einer dreistufigen Bild-Betrachtung, an deren Ende die sog. ikonologische Analyse steht. Dieser Begriff bezeichnet die Bestimmung der „symbolischen Werte”, d.h. der Einstellungen, Mentalitäten, Kulturbedingungen, Kunstbegriffe, Philosophien etc. bestimmter Epochen und Kulturkreise, die dem jeweiligen Werk zu Grunde liegen.

Panofskys ikonologischer Ansatz, der sich nicht nur auf Werke der Hochkultur bezieht, fand eine Fortführung in Roland Barthes’ Analysen von (nicht nur) visuellen Alltagsmythen. Nicht zuletzt aber besann man sich in Hamburg des Warburg-Erbes. Eine Gruppe von Kunstwissenschaftlern um Martin Warnke behandelte es allerdings nicht andächtig-denkmalpflegerisch, sondern führte es kreativ weiter. Auch die Warburg-Stifung dient diesem Zweck.

Mit dem Warnke-Mitarbeiter Horst Bredekamp kamen diese Ansätze nach Berlin und fanden hier mit Klaus Wagenbach auch gleich den richtigen Verleger vor. Und ein so innovativer Kunst- und Medienwissenschaftler wie Hans Belting greift ganz selbstverständlich auf Panofskys „Perspektive als symbolische Form” zurück, wenn er sich in seiner jüngsten Buchveröffentlichung Florenz und Bagdad. Eine westöstliche Geschichte des Blicks mit einem hochaktuellen interkulturellen Thema auseinandersetzt. Dabei wird Panofskys Begrifflichkeit freilich nicht unbelassen übernommen, sondern an neue Fragestellungen angepasst.

Panofsky und seine Kollegen konnte man aus Deutschland vertreiben – und viele andere ermorden -, ihre Gedanken werden heute aber gerade im Land, das sie vertrieben hat, weiter gedacht.

Bisher in der Reihe: Alfred Lion, Hans Sahl, Walther Bensemann, Alexander Grothendieck, Konrad Wachsmann, Heinrich Eduard Jacob

Foto: Gedenktafel an der Hamburger Kunsthalle

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