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Un-heimliche Freude

Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung dieses Landes dürfte sich gefreut haben über die Tötung Ben Ladens. Das kann man verstehen, darf sich aber durchaus auch ein paar kritische Gedanken machen. Verantwortliche Politiker sollten wohl eher zu letzterem tendieren.

Es  gibt auch noch ein paar Fälle in Geschichte und Gegenwart, nicht zuletzt in der deutschen, bei denen man ein solches Vorgehen billigen und befürworten, ja für notwendig erachten kann und im Einzelfall vielleicht sogar muss. Der Ausdruck nicht nur klammheimlicher, sondern öffentlicher, unnuancierter, durch keinerlei Reflexion getrübter Freude über einen solchen Vorgang durch politisches Spitzenpersonal ist aber bedenklich. Dessen Verharmlosung ist es ebenfalls. Dieses Personal trägt schließlich Verantwortung dafür, dass der Westen die Werte, für die er kämpft, in diesem Kampf nicht einfach aufgibt. Es ist auch verantwortlich dafür, uns vor einer Verrohung der politischen Sitten zu bewahren. Man mag Obama und den Amerikanern das gewählte Vorgehen nachsehen, Verständnis dafür aufbringen, auch für ihre enorme Genugtuung. Bejubeln muss man es als Europäer nicht.

Zum politischen Realismus gehört außerdem die Einsicht, dass das jüngst so vielfach und eindrucksvoll bekundete Vertrauen der islamischen Massen in demokratische Institutionen und Politiker für unsere Sicherheit auf Dauer ebenso wichtig ist wie die Existenz oder Nichtexistenz eines mythischen Terror-Predigers. Dessen praktische Schädlichkeit wird ohnehin nach Meinung zahlreicher Experten inzwischen längst von anderen in den Schatten gestellt. Ossama konnte vermutlich bereits seit einiger Zeit von sich sagen: Bin Laden-hüter. Als Märtyrer gewinnt er neue Bedeutung.

Der Bundespräsidenten ließ zu diesem Vorgang auf Auslandsreise verlauten: „Ich halte die Ausschaltung von Osama bin Laden für einen unschätzbaren Erfolg.“ Der Außenminister freut sich darüber, dass Bin Laden das Handwerk gelegt wurde. Hier scheint es sich eher um einen harmlosen technischen Vorgang zu gehen. Das tatsächliche Geschehen wird verschleiert. Vielleicht sollte man Überlegungen zu einem Verschleierungsverbot zuvörderst auf die Sprache der Politik und des Journalismus beziehen. Mit Gesetzen wird man da freilich nicht weit kommen, vielleicht aber mit einer Selbstverpflichtung der entsprechenden Akteure. Aber die Verharmlosung ist ja keineswegs die schlimmste Reaktion, die wir erlebt haben.

Unrühmlicher haben sich ausgerechnet unsere allerchristlichsten Politiker in diesem Zusammenhang hervorgetan. Wo der Chef der Christsozialen ein „Gefühl der Freude“ verspürt, wurde Angela Merkel entschieden deutlicher. Sie wird mit den Worten zitiert: “Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, Bin Laden zu töten.“ Das hat den Vorteil, unmissverständlich klar formuliert zu sein. Die Tötung wird hier nicht als billigend in Kauf genommene Alternative zur eigentlich geplanten Festnahme maskiert. Die Kanzlerin applaudiert offen einer Hinrichtung. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler sieht hier „die semantische Unsensibilität einer gelernten Naturwissenschaftlerin“ am Werk. Nach 20 Jahren Politik in Spitzenfunktionen greift diese Erklärung nicht mehr. Man darf hier vielleicht auch von der politischen Insensibilität einer Spitzenpolitikerin und eines Spitzenpolitologen sprechen. Letzterer ist auch noch Spezialist für politische Kultur.

So simpel darf die Rechtfertigung politischer Gewalt nicht ausfallen. Wer so einfach und schlicht dem main stream folgt, verliert die Berechtigung, anderen Populismus vorzuwerfen. Die letzten Reste der unter anderem durch die Affäre Guttenberg massiv beschädigten Vorbild-Funktion gehen gleich mit den Bach runter.

Wir weinen Osama Bin Laden ganz gewiss keine Träne nach. Wenn unsere politische Kultur so geschunden wird, dann darf bzw. muss man das allerdings schon. Sie wollen wir nicht so rasch beerdigen. Der Sprachgebrauch von Spitzenpolitikern der Koalition in Sachen Bin Laden ist aber ein Sargnagel mehr für sie,

meint Glossix.

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