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Tabuthema Sterbehilfe?

Sterbehilfe oder Euthanasie ist ein Thema, welches mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder in unseren Medien auftaucht. Prominente Fälle wie der von Terry Schiavo (eine sich im Wachkoma befindende Amerikanerin, deren Ernährungssonde 2005 nach langem Gerichtsstreit und unter internationaler Aufmerksamkeit entfernt wurde) oder immer wiederkehrende Fälle von Pflegekräften oder Ärzten, die sich wegen sog. Mitleidstötungen vor Gericht verantworten müssen, lösen unterschiedliche, aber stets heftige Reaktionen in der Öffentlichkeit aus. Die Kirchen, die Deutsche Ärztekammer, die großen politischen Parteien – sie alle melden sich zu Wort. Argumente werden vorgebracht, Vorwürfe geäußert, kurzum: Euthanasie bringt Quote, zumindest in Deutschland.

Aber kann ein Thema, das derartig öffentlich diskutiert wird, denn überhaupt ein Tabuthema sein? Es mag paradox erscheinen, ist aber so: Unsere Gesellschaft verdrängt den Tod und das Sterben. Die zunehmende Urbanisierung, die wachsende Anzahl an Single-Haushalten und das Scheitern vieler Ehen führen zu einem Wegbrechen der althergebrachten familiären Strukturen. Die Konfrontation mit Alten, Kranken und Sterbenden nimmt rapide ab. Damit sinkt die Chance, den Sterbeprozess und den Tod als traurig, aber selbstverständlich zum Leben dazugehörig wahrzunehmen und einen angemessenen Umgang damit zu erlernen. Alte, Kranke und Hilfsbedürftige finden in der Leistungs- und Spaßgesellschaft nur wenig Platz. Diese Verdrängung führt zur Tabuisierung des Todes und aller verwandter Themen, so auch der Sterbehilfe. Die mediale Berichterstattung konzentriert sich mehr auf reißerische Schlagzeilen, dramatische Todesfälle und Gerichtsverhandlungen, als auf Information und Aufklärung. Damit wird die Verunsicherung der Leser nur vergrößert. Die Medien tragen also trotz vorhandener Berichterstattung zu einer Tabuisierung des Themas bei.

Auch die historische Aufladung des Euthanasie-Begriffs trägt zu seiner Tabuisierung in Deutschland bei. Die im Namen der Medizin begangenen Gräueltaten der Nationalsozialisten erfüllen uns mit Unverständnis und Schrecken und machen gerade in Deutschland einen sensiblen Umgang mit dem Thema erforderlich. Trotzdem darf die Vergangenheit nicht zur Tabuisierung von Sterbehilfe instrumentalisiert werden. Die aktuelle und die historische Sachlage sind völlig verschieden und haben außer der Bezeichnung nichts gemein. Der Rückbezug auf die NS-Euthanasie erschwert eine sachliche Diskussion und einen angemessenen Umgang mit Sterbehilfe und verstärkt so ihre Tabuisierung.

Ein Blick auf unsere westlichen Nachbarn, die Niederlande, zeigt, wie der Umgang mit Euthanasie auch aussehen kann (entgegen der landläufigen Meinung ist Sterbehilfe in den Niederlanden übrigens keineswegs legal, es existiert lediglich ein Gesetz, dass Ärzten Straffreiheit garantiert, wenn sie bestimmte Regeln einhalten). Unabhängig von der inhaltlichen Regelung, die hier gar nicht Thema sein soll, ist es der öffentliche Diskurs, der Vorbildcharakter hat. Die niederländische Gesellschaft setzt sich bereits seit Jahrhunderten aus vielen verschiedenen Kulturen zusammen, die zusammen arbeiten mussten, um das Land regieren zu können. Dies funktionierte nur mit tolerant und offen geführten Debatten, die im Konsens gelöst werden mussten und an deren Ende ein für alle akzeptabler Kompromiss stand. Die Diskussionskultur der Niederländer ist bis heute konsensorientiert und von Toleranz geprägt. Auch ein kontroverses Thema wie Sterbehilfe wird lieber öffentlich thematisiert, als dass die Auseinandersetzung damit im Verborgenen, also unkontrollierbar und mit nicht abzusehenden Folgen, stattfindet. In diesem Punkt ist der niederländische Umgang mit Euthanasie durchaus beispielhaft.

Die Tabuisierung von Sterbehilfe, wie sie in Deutschland stattfindet, sorgt für Verunsicherung von Patienten und Angehörigen und verhindert eine detaillierte und eindeutige rechtliche Lösung, die dringend notwendig ist. Selbstverständlich kann die einzigartige Weise, mit der man in den Niederlanden gesellschaftliche Fragen und Probleme thematisiert, nicht unverändert auf Deutschland übertragen werden. Offenheit, gegenseitiger Respekt und Toleranz gegenüber anderen Meinungen sind jedoch universelle Werte, auf die eine Gesellschaft im Umgang mit schwierigen Themen zurückgreifen sollte. Nur durch eine Enttabuisierung von Sterbehilfe können Ängste gemildert, Verunsicherungen gelöst und Missbrauch verhindert werden.

Literaturauswahl
- Atrott, Hans Henning/Pohlmeier, Hermann (Hrsg.): Sterbehilfe in der Gegenwart. Regensburg 1990.
- Czerner, Frank: Das Euthanasie-Tabu – Vom Sterbehilfe-Diskurs zur Novellierung des §216 StGB. Berlin 2004.
- Düwell, Marcus/Feikema, Liesbeth: Über die niederländische Euthanasiepolitik und -praxis. Berlin 2006.
- Sohn, Wolfgang/Zenz, Michael (Hrsg.): Euthanasia in Europe – National laws, medical guidelines, ethical aspects. Stuttgart 2001.

Besondere Empfehlung: Am Beispiel des Freitods eines unheilbar an Krebs erkrankten gläubigen Katholiken setzt sich Bartholomäus Grill in bewegender und hochdifferenzierter Weise mit der Problematik der Sterbehilfe auseinander. Sein im Dezember 2005 in der Wochenzeitung DIE ZEIT erschienener Beitrag wurde 2006 mit dem Henri-Nannen-Preis geehrt: www.zeit.de/2005/50/Sterbehilfe.

Julia Lemm ist Studierende der Kulturwissenschaften an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

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