Rückblende 2010: Zwischen Hofberichterstattung und drastischer Satire
Wer könnte dem Land besser den Puls fühlen als politische Pressefotografie und Karikatur? Die Antwort ist klar: nichts und niemand. Deshalb trifft es sich gut, dass das Land Rheinland-Pfalz seit Jahr und Tag unter der Ägide von Staatssekretär Karl-Heinz Klär in Verbindung mit dem Verband der Zeitungsverleger und anderen Sponsoren die „Rückblende“ ausrichtet. Am 19. Januar war es wieder mal so weit. Fotografen und Zeichner aller Bundesländer vereinigten sich in der rheinland-pfälzischen Landesvertretung zur Eröffnung ihrer Leistungsschau und zur mit Spannung erwarteten Bekanntgabe der Preisträger.
Viel Sehenswertes gab es da wieder zu sehen, aber einiges stieß auch sauer auf. Bei der Pressefotografie ist ganz offensichtlich nicht immer der enthüllende Blick gefragt. Allzu viel konventionelles Ablichten von Politikergrößen war zu sehen, der gegelte Freiherr aus dem Fränkischen wurde weniger durchleuchtet als bis zum Überdruss in seiner standardmäßigen Fotogenität abgebildet. Zwei Katalogseiten und drei Fotografen sowie drei notgedrungen repetitive Bildunterschriften sind den Rückblendern nicht zu schade für ein und denselben banalen Vorgang: den Sprint des Verteidigungsministers zu seinem Hubschrauber. Nachgerade peinlich anzusehen sind auch die faden Huldigungsadressen der Hof-Fotografen an den neuen Bundespräsidenten, mit dem Höhepunkt auf den Seiten 13 und 16 des Katalogs: zum einen die gleichermaßen strahlenden “Rivalen” Wulff und Gauck, umgeben von ihnen nahe stehenden und sie anhimmelnden Damen, zum anderen das blonde präsidiale Strahlepaar mit blonden Musterkindern aus dem offenbar blonden Volk. Die Lust des Erkennens, von der im Vorwort so schön die Rede ist und die ja vielfach auch gewährleistet wird, bleibt bei solchen Bildern auf der Strecke. Das ungewohnte Ausmaß an Harmlosigkeit ist auch Tom Schimmeck, dem Verfasser der Einleitung, nicht entgangen, der die Verantwortung dafür den Auftraggebern zuschreibt. Er hätte seinen Schluss-Satz ruhig auch den beiden Jurys zurufen dürfen: “Mehr Mut!”
Musste unbedingt ein nicht wirklich originelles Paparazzi+Sarrazin-Motiv den ersten Preis bekommen? Das gibt zudem dem eitlen Bestseller-Autor doch nur neue Selbstbetätigung. Mir hätte es beispielsweise mehr eingeleuchtet, wenn man zwischen Karikatur und Foto einen Thementausch vorgenommen hätte: ein Bild zur Missbrauchsdebatte auf Platz 1 bei der Fotografie – etwa das beeindruckende von S. 42, auf dem etliche Mikrofone auf den notgedrungen schweigenden Gekreuzigten gerichtet sind – und dafür Platz 1 für ein Sarrazin-Bild in der Reihe Karikatur. Dem Mann ist in seiner uneinsichtigen Verbohrtheit nur noch mit Satire beizukommen!
So aber hat Reiner Schwalme mit einer Zeichnung den Preis gewonnen, auf dem eine Mutter mit Kind einem vorbeigehenden Priester aus dem Weg geht – ein Motiv, das man so ähnlich schon mehrfach gesehen hat. Zum Glück ist der Preisträger selbst über jeden Zweifel erhaben und alle in der Zunft gönnen ihm neidlos den berechtigten Erfolg. Nur: seine beste Zeichnung hat man sicher nicht ausgewählt. Beim Zweit- und Drittplatzierten hat man mehr Fingerspitzengefühl bewiesen. Nels Blatt „Terrordrohung“ etwa, auf dem Ioan Cozacu (so sein bürgerlicher Name) drei Taliban ausrufen lässt: „Die Freiheit Afghanistans wird am Brandenburger Tor verteidigt“ hinterlässt durchaus einen nachhaltigen Eindruck.
Den Schreiber dieser Zeilen, der hier gleich einräumt, dass er an der Herausgabe von Klaus Stuttmanns Jahresrückblick „Land unter!“ nicht unbeteiligt war, hat es natürlich besonders erfreut, dass eine vom „Freitag“ erstveröffentlichte und in diesem Buch enthaltene Zeichnung von der Jury mit einer lobenden Erwähnung bedacht wurde. Ob man dabei mit-bedacht hat, dass die drastisch-plastisch-lakonische Zeichnung mit dem hintersinnigen Titel „Coming out“ entsprechend jahrelanger Gepflogenheiten automatisch auf der Einladungskarte landen würde? Klaus Stuttmann hat die Zeichnung so jedenfalls außer der lobenden Erwähnung der Jury auch gleich eine tadelnde Stellungnahme von kirchlicher Seite eingetragen. Mehr Lob auf einmal kann man gar nicht einheimsen. Die zurecht Angegriffen fühlen sich zurecht bloßgestellt. So soll es sein!
Bei aller unvermeidlichen Kritik an diesem oder jenem Detail – fest steht, dass die „Rückblende“ auch in diesem Jahr wieder ihren Beitrag zur visuellen politischen Kultur in diesem Land leistet. Die Ausstellung, die noch bis zum 20. Februar in Berlin zu sehen sein wird, geht dann auf Reisen. Für alle, die sie nicht sehen können, gibt es den Katalog. Beiden, Ausstellung wie Katalog, wünschen wir viele Betrachter und den Jurys für 2011, wie bereits angedeutet, mehr Mut.

