Berlinale 2010: Glamour, Glatteis und ein Honigbär
Posted by Walther on 2/22/10 • Categorized as Heimatkunde,Schön & Gut
Ein Honigbär hat also bei der Berlinale das Rennen gemacht und Gold für die Türkei geholt.
“Honig” ist ein wunderbar stiller, unaufgeregter Film. No sex, no crime, kein einziger lauter Ton, nichts Schrilles, nichts Schräges, nichts Spektakuläres. Alltag irgendwo in den türkischen Bergen, ein harter Alltag, der wenig Platz lässt für Gefühle. Zwischen Mann und Frau ist nichts von ihnen zu spüren, zwischen Mutter und Sohn nicht viel, unter Dritten schon gar nicht. Umso einmaliger stellt sich in diesem Zusammenhang die Liebe zwischen Vater und Sohn im Dreigestirn der Protagonistenfamilie dar.
„Honig“ ist auch ein sehr langsamer Film. Die erste Einstellung macht gleich deutlich, mit welchen filmischen Mitteln hier gearbeitet wird. Eine stehende Kamera zeigt erst einmal in ungewohnter Länge ein Naturbild: eine Lichtung. Erst nach einiger Zeit kommt langsam eine Person ins Bild: der Imker-Vater mit seinem Esel. Er nähert sich dem Standort der Kamera, verschwindet dann aus dem Bild, um nach einiger Zeit wieder im Fokus der Kamera aufzutauchen. Die stehende Kamera gehört zum ständig benutzten technischen Repertoire und sorgt mit langen Einstellungen für eine ruhige Erzählweise. Wenn einmal getanzt wird – freilich nicht im Kreis, das wäre zuviel der Dynamik -, sondern in einer langen Reihe, die sich von der Kamera mit einer ruhigen Fahrt einfangen lässt, dann fällt das fast schon aus dem Rahmen. Es übersetzt jedoch die zunehmende Aufgeregtheit der Suche, um die es in dieser Phase geht, adäquat ins Bild.
Die ungewohnt langsame, ereignisarme, ruhige Erzählweise verlangt viel Geduld vom Betrachter, manchmal fast zu viel. Gelegentlich stockt die Erzählung, ja sie scheint mit ihren sich in ähnlicher Weise wiederholenden Szenen ins Stottern zu geraten. Das ist zwar ein filmisches Äquivalent zu einem wesentlichen Inhaltselement, bleibt aber eine gefährliche Gratwanderung mit permanenter Absturzgefahr. Doch sie wird erfolgreich bewältigt. Neben seiner beständig spürbaren Grundspannung bewahrt nicht zuletzt seine fotografische Qualität den Film davor, von der beabsichtigten Langsamkeit in die unfreiwillige Langeweile abzugleiten. Jede der langen Einstellungen kann auch als Einzelfoto bestehen und damit im Grunde beliebig lange und auch immer wieder aufs Neue betrachtet werden. Neben dem Regisseur Semih Kaplanoglu hat auch der Kameramann seinen Anteil an diesem verdienten Erfolg.
Und dann ist da noch der Hauptdarsteller, der sechs- bis achtjährige (da widersprechen sich die Angaben) Bora Altas. Fern von allem süßlich-netten Kinderkitsch, aber auch ohne sentimentale Mitgefühlsduselei darf und kann er bei allem durchgehenden Ernst doch ein reiches Repertoire an Ausdrucksmitteln zeigen, von der großen, aber nur verhalten gezeigten Freude bis hin zur tiefen Enttäuschung und Trauer.
Professionelle Filmkritiker, die den Wettbewerb und weitere Sektionen von früh bis spät verfolgt haben, bescheinigen der diesjährigen Berlinale, der nunmehr sechzigsten, einen Mangel an Höhepunkten. Dem wird man nicht so ohne Weiteres abhelfen können, da die Konkurrenz in Cannes, Venedig und anderswo nun mal einige Standortvorteile hat. Umso wichtiger ist es, dass Berlin seine paar Trümpfe ausspielt.
Dazu gehört vor allem anderen die Betonung des Publikumsbezugs. Davon kann in Cannes ja nun überhaupt nicht die Rede sein. Otto Normalverbrauchers Zugang zur Welt des Films beschränkt sich dort auf die Bewunderung von Stars auf dem Roten Teppich und am Eingang zu ihren Nobel-Hotels. Insofern ist es trotz aller Horror-Architektur nachdrücklich zu begrüßen, dass mit dem Friedrichstadtpalast eine Riesen-Spielstätte dazu gekommen ist, die es einer breiten Öffentlichkeit erleichtert hat, die Wettbewerbsbeiträge in Wiederholung zu sehen. Auf diesem Weg sollte weiter gegangen werden.
Andere Wege sollte man dagegen schlicht und einfach räumen. Womit wir bei etwas scheinbar denkbar Filmfernem wären, dem skandalösen Zustand der Stadt in diesem Winter. Die Räumung der Gehsteige im Zentrum hatte eher symbolischen Charakter. Menschen, die beispielsweise nicht nur auf dem roten Teppich vom Adlon in die Festival-Linousine steigen – und von denen sollen etliche tausend angereist sein -, möchten auch ein paar Schritte weiter Unter den Linden gehen, ohne Gefahr, sich Hals und Bein zu brechen und in einer der überfüllten Notaufnahmen zu landen. Man wird wohl nie erfahren, wie viele Journalisten und sonstige Besucher mehr oder weniger lädiert an ihre Heimatorte zurückreisen mussten.
Da nicht geräumt, sondern tonnenweise Splitt gestreut wurde, gaben die aufgetauten Straßen und Plätze der Hauptstadt gegen Ende der Woche zudem ein schlicht gräuliches Spektakel ab. Das mag Liebhaber an das Schwarzweiß des veristischen oder neorealistischen Kinos erinnert haben, eine Empfehlung für die Ausrichtung eines Festivals war der Anblick trotzdem nicht. Die deutsche Hauptstadt wird im Februar gewiss nie aussehen wie Cannes im Mai. So unsexy muss sie sich dennoch nicht darstellen. Ein bisschen Wintermärchen wäre schon möglich gewesen.
Ein bekanntlich durchaus auf Äußerlichkeiten achtender und glamour-bewusster Regierender Bürgermeister sollte auf solche kollateralen Aspekte achten, sonst sind die Stars und sonstigen Filmgrößen schneller weg als sie gekommen sind. Am seidenen Faden des Kosslick-Schals allein darf die Berlinale nicht hängen.
Foto: Alexander Platz

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