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Gewalt in Deutschland – Filmemacher Andres Veiel im Interview (II)

Portrait Filmemacher Andres Veiel

In Fortsetzung unseres Gesprächs mit dem Filmemacher und Psychologen Andres Veiel befassen wir uns heute mit der Roten Armee Fraktion, der RAF. Eine wichtige Rolle spielt darin der möglicherweise heute weniger bekannte Bernward Vesper, der vor Andreas Baader der Partner von Gudrun Ensslin war. Bernward Vesper, Sohn des NS-Schriftstellers Will Vesper, ist selbst Autor eines Romans über seine Erfahrungen in der Zeit um 1968. Er ist auch eine zentrale Figur in dem Buch “Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus” von Gerd Koenen. Auf diesem Buch beruht der Film, den Andres Veiel derzeit vorbereitet.

D-Puls: Wenn wir richtig sehen, ist das Paradigma für die Entstehung von Gewalt und die Konsequenzen von Gewalt in unserer Gesellschaft die RAF.

Veiel: Ja. Es gibt, um erst einmal rein statistisch zu argumentieren, von Allensbach Anfang der siebziger Jahre – also bevor das große Morden losging – eine Umfrage, bei der die Einschätzungen bzw. auch die Sympathien der Bevölkerung gegenüber der RAF abgefragt wurden. Von den 18-30jährigen haben knapp 30 Prozent gesagt, sie haben eine gewisse Sympathie mit der RAF. Das heißt, die RAF ist in diesen Jahren getragen worden von fast einem Drittel der jungen Menschen dieses unseren Landes. Natürlich kann man im Nachhinein sagen, das waren ein paar Wirrköpfe oder wie Böll mal gesagt hat: Sechs gegen sechzig Millionen. Das verkennt aber, was ein Drittel der jungen Leute hineinprojiziert hat in diese sechs. Wo sie sozusagen stellvertretend für sehr viele andere etwas getan haben. Das hat fast parareligiösen Charakter. Gudrun Ensslin hat im Brandstifterprozess gesagt: Ich möchte das nicht fortsetzen, was Jahrhunderte lang getan wurde, nämlich nichts zu tun. Das ist der programmatische Ritterschlag des Handelns. Reden hieß, immer nur zu zaudern, die eigenen Ängste wegzureden. Das Handeln war etwas, was große Faszination hatte, weil es mit Mut, Aufgabe des Privaten, des Persönlichen zu tun hatte. So wurde der Untergrund und die Bereitschaft zu sterben extrem mystifiziert. Gudrun Ensslin hat das von den russischen Anarchisten übernommen. Das sind relativ einfache Muster, die aber damals eine ganz starke projektive Aufladung erfahren haben, bis in die achtziger Jahre. Die kann man deshalb vom gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang der Bundesrepublik nicht trennen. Das ist heute für viele unangenehm, vielleicht weil sie auch zu denen gehören, die damals jung waren und heute Chefredakteure sind oder meinungsbildend. Vielleicht ist es ganz gut, dass wir nicht wissen, wie die damals auf den zweiten Teil der Frage der Allensbach-Umfrage geantwortet hätten. Der lautete nämlich: Würden sie den RAF-Mitgliedern ein Quartier geben? Das haben seinerzeit immerhin noch knapp zehn Prozent bejaht. Das belegt für mich die These, dass es hier um eine kollektive Erscheinung gegangen ist und dass man versucht, das sehr schnell zu entsorgen, indem man es auf die Psychopathogenese von ein paar Durchgeknallten, wahnhaft Erkrankten, reduziert.

D-Puls: Den anarchistischen Bezug haben Sie beleuchtet. Ich frage mich, ob man nicht eine andere, eher gegensätzliche Verbindung herstellen kann, vielleicht sogar muss, nämlich zu dem, was Sie vorher erläutert haben, zum Preußisch-Soldatischen. Wenn man sich durchliest, in welchem Ton da miteinander verkehrt wurde, klingt das doch sehr nach preußischem Kommandoton, nach Disziplin, nach Befehl und Gehorsam.

Veiel: Absolut. Deswegen habe ich das vorher auch erwähnt, als Basis unseres Gespräches, dass hier die Traditionslinien eben sehr weit zurückreichen. Da war letztendlich auch ein gewisser Korpsgeist am Werk. Der macht es ja so schwer, auszubrechen, als Einzelstimme herauszutreten aus dem Chor und in diesem einbetonierten Wir „Ich“ zu sagen: Ich habe eine eigene Biografie, ich habe eine eigene Geschichte. Das führt ja, das hat man am Beispiel Birgit Hogefeld gemerkt, zu einer Exkommunikation bzw. Exkommunion. Das bedeutet eben Ausschluss. Das hat auch einen Sektencharakter. Und dass man auch eine preußische Tradition von Disziplin, Einordnung und Korpsgeist in den Strukturen der RAF wiederfindet, ist für mich ganz offensichtlich.

D-Puls: Ein anderer Binnenwiderspruch der RAF zeigt sich im Umgang mit dem Nationalsozialismus. Als Hanns Martin Schleyer ermordet wurde, wurde aus Sicht der RAF nicht nur der Arbeitgeberpräsident ermordet, sondern auch der ehemalige enge Mitarbeiter Heydrichs. Andererseits können wir bei Gerd Koenen nachlesen, dass Vesper und Ensslin in Kontakt standen zu rechtsradikalen Publikationen, um das Werk des Nazi-Dichters Will Vesper, des Vaters von Bernward Vesper, neu herauszugeben. Wie kann man sich darauf einen Reim machen?

Veiel: Man muss da sehr genau sein. Das war ja ein Engagement auf sehr unterschiedlichen Terrains. Ich denke, es sind da bei Bernward Vesper im wörtlichen Sinne zwei Seelen in seiner Brust. Es gab bei ihm eine ganz starke Anbindung an den Vater, der ihn protegiert hat, der an ihn geglaubt hat. Mit der Zeit wurde ihm aber klar, dass er das trennen muss: die Liebe zum Vater und das Werk des Vaters. Das war ein sehr schmerzhafter und langsamer Prozess für ihn.

D-Puls: Geht es hier also um eine ganz persönliche Problematik von Bernward Vesper?

Veiel: Nein, sicher nicht. Rainer Langhans hat interessanterweise diese Problematik auf den Punkt gebracht. Er hat einmal gesagt: Wenn ich mich mit der Vergangenheit meines Vaters im Dritten Reich auseinandersetze, dann geht es ja nicht, dass ich meinen Vater sozusagen symbolisch umbringe, damit bringe ich mich ja selbst um. Wenn man diesem Satz nachschmeckt oder nachgeht, dann zeigt das nur, wie widersprüchlich – was ja die weitere Geschichte der 68er deutlich macht – wie widersprüchlich die Auseinandersetzung verlaufen ist. Betrachten wir doch die Bekenntnisse einer Ulrike Meinhof, die den Anschlag 1972 auf israelische Sportler in München als eine antiimperialistische, revolutionäre Heldentat feiert. Das sagte die gleiche Frau, die 1956 als eine der ersten Reich-Ranicki zu seiner Zeit im Ghetto befragt hat, und die im Interview geweint hat, dass das Gespräch beinahe abgebrochen werden musste.

D-Puls: Lassen sich solche Widersprüche auflösen?

Veiel: Nur bedingt. Ulrike Meinhof war jemand, die sich sehr stark mit der Judenvernichtung beschäftigt hat. Wenn man so will, hat sie es nicht mehr ertragen. Die Auseinandersetzung hat sie überfordert. Reflexhaft sucht sie Anfang der 70er Jahre nach Entlastungsstrategien. Eine davon ist: Die Israelis sind die neuen Faschisten, sie betreiben bei den Palästinensern einen neuen Genozid. Wenn aus den früheren Opfern nun aus ihrer Sicht die neuen Täter geworden sind, ist sie von ihren Schuldgefühlen erlöst. Damit steht sie nicht alleine.

Wenn man sich diese Biografien, und jetzt komme ich zurück zu Bernward Vesper, eben vergegenwärtigt, dann zeigt das, dass es eben keine geradlinige Auseinandersetzung gibt, nicht geben kann. Ich würde sogar sagen, die Unerträglichkeit dessen, mit dem ich mich da beschäftigen muss, führt ihrerseits wieder zu einer Abwehr. Nur so kann ich mir erklären, dass eine Ulrike Meinhof, eine kluge Frau, in einem anderen Bekennerbrief Auschwitz und die Bombardierung von Hamburg und Dresden in einem Atemzug nennt, weil alle drei Ereignisse etwas waren, was über die Deutschen gekommen ist und wofür man keine eigene Verantwortung hatte! Also ganz paradoxe Argumentationen, bei denen man denkt, das passt nicht zusammen, ein und derselbe Mensch kann nicht diese unterschiedlichen Diskurse hervorbringen. Für mich zeigt das, und da sind wir wieder beim Anfangsthema, nur den Grad der Beschädigung und den hilflosen Versuch, diese Beschädigung geradezubiegen, was natürlich hinten und vorne nicht funktioniert.

(Ende Teil 2 – wird morgen fortgesetzt: Gewalt und Ausländer)

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