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Erinnerungskultur außer Mode?

  • Demonstration auf dem Bebelplatz

Mit dieser Vergangenheit ist nicht leicht umzugehen. Wie soll das angemessen geschehen? Es ist ein Ding der Unmöglichkeit. Berlin hat es aber immerhin geschafft – oft nach jahrelangen, quälenden Diskussionen –, sich mit einer Vielzahl von Mahnmalen in vertretbarer Weise seiner Geschichte als Hauptstadt eines vermeintlich Tausendjährigen Reiches zu stellen.

Das Holocaust-Mahnmal, dessen vielfach kritisierte Beliebigkeit von seinem Autor Eisenman selbst als durchaus gewollt bezeichnet wird, hat schließlich dank seines unterirdischen Ausstellungsortes zum Glück die erforderliche historische Verankerung bekommen.

Die Inschrift an der Neuen Wache wurde in einem langen Prozess so formuliert, dass sie zumindest nicht mehr so historisch unsensibel geraten ist wie ursprünglich vom regierenden Historiker Helmut Kohl gewollt.

Schräg gegenüber, auf dem Bebelplatz, dem vormaligen Opernplatz, ist ein Mahnmal entstanden, das von vornherein fast einhellige Zustimmung fand. Micha Ullmann ist mit seinem relativ kleinen Werk ja auch ein ganz großer Wurf gelungen. Wie könnte man trefflicher den durch die Bücherverbrennung vom Mai 1933 und ihre Folgen entstandenen Verlust veranschaulichen als mit diesem unterirdischen, so gar nicht erhabenen leeren weißen Raum mit seinen leeren weißen Regalen? Wie könnte man bohrender eine Frage nach dem Wert von Kultur formulieren als mit der transparenten Abdeckplatte, in der sich drei der vier umgebenden Kulturorte spiegeln, nämlich das Universitätsgebäude der „Kommode“, das Opernhaus und die Hedwigs-Kathedrale, an der seinerzeit der später im Konzentrationslager ermordete Pater Lichtenberg wirkte? Der Bezug zum nicht gespiegelten, da auf der anderen Straßenseite liegenden Hauptgebäude der Humboldt-Universität gehört gleichwohl zur von diesem Kunstwerk so unaufdringlich-intensiv angestoßenen Reflexion. Von dort strömten seinerzeit die fanatisierten NS-Studenten auf den Platz, um ihr barbarisches Autodafé mit Gastredner Joseph Goebbels zu veranstalten.

Eben dieser optische Bezug wird immer wieder gestört, ja der Zugang zu diesem für die Stadt und ihre Besucher so wichtigen Denkmal verhindert oder zumindest erschwert, wenn der Bebelplatz für kommerzielle Nutzung zweckentfremdet wird.

Dies steht mit der „Mercedes Fashion-Week“ wieder einmal an. Nun aber will eine Bürgerinitiative, die sich auf die Unterstützung von Micha Ullmann berufen kann, dieses schamlose Vorgehen nicht länger hinnehmen. Sie protestiert nicht nur bei den zuständigen Stellen der Stadt, sondern fordert uns alle zu tätiger Mitwirkung auf. Sie will nicht mehr, als dass wir als Bürger dieser Stadt in diesen Tagen gezielt diesen Platz und das Denkmal besuchen und den Veranstaltern unsere Missbilligung ihrer ebenso legalen wie illegitimen Platzbesetzung deutlich machen.

Pressemitteilungen, denen zufolge das Problem gelöst sei, da die Veranstaltung ohnehin an den Ostbahnhof umziehen werde, sind unseren Informationen nach unzutreffend. Sie verwechseln unter öffentlichem Druck entstandene vage Absichtserklärungen mit konkreten Zusagen.

Wir sind daher aufgerufen, Widerstand zu leisten gegen eine nicht hinnehmbare Gedanken- und Kulturlosigkeit von Verwaltung und Politik. Anders als früher ist dieser kleine Widerstand mit keinerlei Risiko verbunden. Er verlangt keinen Mut, sondern nur ein Quäntchen Eigeninitiative. Das sollten wir schon aufbringen.

Foto: Bundesarchiv

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