Döner über alles
Döner ist gesund!
In der Form, in der er seine Weltkarriere antrat, mit Salat im Fladenbrot, ist er eine Berliner Erfindung – der Döner. 1971 oder 1972 soll jedenfalls der junge Mehmet Aygün diese spezielle Variante des Umgangs mit Fleisch vom Drehspieß erfunden haben – nein: „kreiert” muss man bei kulinarischen Großtaten wohl sagen. Und wenn sich eine Großtat am Umsatzerfolg misst, dann war dies wahrlich eine.
Auf eine verkaufte Currwurst, so erklärt uns eine kenntisreiche Website, kommen ca. 100 (in Worten: einhundert) verkaufte Döner. Der Umsatz der Döner-Läden beträgt das Dreifache von Mac Donalds und man geht von 720 Mio. Einheiten pro Jahr aus. Das macht ca. neun Döner pro Jahr und Mund, Säuglinge inbegriffen. Der Jahresumsatz in Deutschland beläuft sich, laut “Dönerberlin“, auf 2 Mrd. Euro. Döner über alles, kann man da nur sagen – nicht zu verwechseln mit der klassischen Bestellformel „Döner mit alles”. Diese gibt es übrigens witzigerweise sogar als Bezeichnung für Knabberzeug.
Mehmet Aygün, der in Berlin eine Restaurant-Kette und in der Türkei das erste Themenhotel besaß, ein Vollblut-Unternehmer, der immer und überall Neues einführte, ist letzte Woche in Berlin gestorben.
Das war für uns der Anlass, uns ein wenig unter den ungefähr 2.940.000 Seiten, die Google für „Döner” verzeichnet umzusehen und ein paar Schneisen in dieses Dickicht zu schlagen. Es passiert ja nicht alle Tage, dass ein kulinarisches Phänomen türkischen Ursprungs von Deutschland aus den Weltmarkt erobert – und zugleich die deutsche Kultur durchdringt.
Mit der Entstehungsgeschichte befasst sich beispielsweise der Tagesspiegel . Wissenschaftlicher und weniger personenbezogen liest sich die Geschichte zum einen bei Wikipedia, zum anderen bei Stefan Nehrkorn. Dessen Beitrag beruht auf dem Buch von Eberhard Seidel-Pielen: Aufgespießt – Wie der Döner über die Deutschen kam, Hamburg 1996.
Dort ist auch die Rede von einem Theaterstück: “Der letzte Döner” von Gaby Sikorski, 1995 in Berlin-Kreuzberg uraufgeführt. Als triumphaler Einzug des Döner in die Welt der Literatur scheint das eher nicht gelten zu können. Uwe Timm hat dagegen mit seinem Roman „Die Entdeckung der Currywurst” das hoffnungslos unterlegene Konkurrenzprodukt hochliteraturfähig gemacht. Vielleicht lässt er sich von uns ja zu einem Kreuzberg-Roman anregen. Arbeitstitel: „Döner-Land ist angebrannt”. Immerhin gibt es mit „Don Osmans erstem Fall” aus der Feder des Comedian Osman Engin bereits literarische Satire mit kriminalistischem Einschlag, die den Döner im Titel führt: „Tote essen keinen Döner”.
Ach ja, Satire. Da gibt es einiges. Krass, Alder, voll mit neues Design gibt sich die Dönerbude. Satirische Elemente (welcher Güteklasse auch immer) könnte auch das Berliner Dönerbuden-Quartettspiel aufweisen. Herzhaft lachen konnte mein kindliches Gemüt jedenfalls bei „Tarkan Döner“. Beachtlich, was da so alles passiert in gut zwei Minuten, zwischen dem ersten Wort (wie das wohl heißt?) und dem Filmstart am Dönerstag, zwischen der Bekanntschaft mit Jane und dem ersten häuslichen Dönerwetter.
In der Musik gibt es in Entsprechung zum Doppel-Whopper gleich den Doppel-Döner, nämlich im Titel und im Label-Namen: „Krach Bum Bäng Zack Döner”, bei Döner Diskothek. Auch der “Döner mit alles” ist bereits in die Welt der Musik eingegangen. Zwar ist da im Titel seltsamerweise von Döner “mit allem” die Rede (ächd mit ausgestorbenes Dativ!), aber im Song selbst hat dann – genau hinhören – doch alles seine Ordnung. Tim Toupet macht sich selbst zum … Döner, und das gleich in vier Versionen: . Wohl eine davon gibt es auf Youtube. Das beginnt mit: „Ich hab ‘ne Zwiebel auf dem Kopf, ich bin ein Döner” … und will nicht enden. Drei Minuten können lang sein. Naja, wem’s schmeckt …
Der Spiegel berichtete über einen interkulturellen Konflikt um den Döner („Türken wittern Döner-Verschwörung”). Es geht um die Frage, ob die Gammelfleischdebatte gezielt auf Döner-Imbisse orientiert wurde, um sonstige fast food zu begünstigen, wie Teile der türkischen Presse berichteten.
Wenn der Döner aber schon interkulturell betrachtet werden soll, was durchaus angemessen ist, dann hat er es sicher verdient, in positiven Zusammenhängen erwähnt zu werden. Wo kommen denn Deutsche und Türken öfter, unkomplizierter, freundlicher ins Gespräch als in oder an der Döner-Bude? Nirgends. Eben. Wenn er es nicht schon bekommen hat, gebührt Mehmet Aygün daher posthum das Bundesverdienstkreuz.
Fast hätten wir’s vergessen. Döner ist schließlich auch zum Essen da. „Dönerfreund: Die Suchmaschine für Deutschlands beste Döner” erlaubt es, landesweit den nächsten Döner aufzufinden. Und das auch für den Ernährungsbewussten mit gutem Gewissen. Die Techniker-Krankenkasse betrachtet den Döner als Hauptmahlzeit nämlich als eine gesunde Sache.
Afiyet olsun.
Foto: Nicolas Nova
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“Döner mit alles” :-) genial. Ein toller Artikel. Ich freue mich auf mehr von “alles”. Einen herzlichen Gruß an die deutschlandpuls Redaktion und dank an diese schöne Blog-Seite, auf die ich durch Zufall gestoßen bin.
grüße
S.Koch