Deutsche Kolonie Mallorca
Malle-Report, Teil 1

Da der Puls der Deutschen nicht nur im Inland schlägt, hier mal ein persönlicher Blick aus der Deutschen zweiten Heimat. Was Eroberungskriege nicht geschafft haben, machen Kapitalismus und Pauschaltourismus möglich. Wie in einer Parallelwelt, so kommt es mir hier vor, lebt auf der Insel eine eigene deutsche Kultur mit Supermärkten, deutschsprachigen Ärzten und natürlich auch der allgegenwärtigen Springerpresse. Eine lokale Wochenzeitung auf Deutsch gibt es auch.
Aber fangen wir am Flughafen an, dort wo alles beginnt. Dank Pauschaltourismus ist der Flug nach Mallorca für alle erschwinglich, wirklich für alle. Das Gefühl beschleicht einen, wenn man sich das Klientel ansieht, das da Tag für Tag aus den Fliegern gehoppelt kommt. „Die Reichen“ haben hier unten alle schon ihren zweiten Wohnsitz, was sich an den Immobilienpreisen gut erkennen lässt. Unabhängig von der speziellen spanischen Mietstruktur, können die Quadratmeterpreise hier locker mit der Frankfurter oder Münchner Innenstadt mithalten. Aber das sind die Reichen und die sind ja bekanntlich eher spärlich gesät.
Das siebzehnte Bundesland
In Deutschland wird gerne über Ausländer geschimpft, die wollen sich nicht anpassen. Diskussionen über Sprachprüfungen und Deutschtests werden laut. Wir Deutschen sind nicht besser, aber auf einem anderen Niveau – wir bringen alles gleich mit: unsere Sprache & Autos, unser Bier, unsere Stars. Naja, B-VIPs will ich sie nennen, wer erinnert sich nicht noch an das deutsche 1-Hit-Wonder Mathias Reim. Mit seiner Lederhose und seinem Strass besetzten Berlinrocker-T-Shirt rockt jener momentan an der Playa. Ich wusste gar nicht, dass der aus Berlin kommt.
Weiterhin die Möchtegern-Radprofis. Von denen scheint es auf der größten Baleareninsel Tausende zu geben. Aus ihren Drei- und Viersternehotels machen sie sich auf, in kleinen Grüppchen oder ganzen Herden die engen und viel befahrenen Straßen unsicher zu machen. Ich – selbst leidenschaftlicher Radfahrer – war letzte Woche fast den Tränen nahe, als ich mit meinem Mietwagen die Küste entlang fuhr und alle 3 Kilometer die Massen von Radfahrern auftauchten, als wäre es eine Etappe der Tour de France. Als Autofahrer muss man sich schon fast entschuldigen, wenn man überholen möchte. Das verträgt sich nicht mit dem freien spanischen Fahrstil, der Regeln wie „rechts vor links“ nur aus der Theorie kennt.
Kegelclubs und Aussteiger
Die obligatorischen Kegelklubs, Fußballvereine, Rentnergruppen sind natürlich auch alle da. Die Mallorcienen wollten es ja anscheinend nicht anders. Jedenfalls über lange Jahre waren sie froh über das Geld aus Mitteleuropa und haben über dem Mammon ein bisschen vergessen, wie man die Wasser holenden Besen wieder abstellt. Dies ist allerdings eine sehr subjektive Perspektive, da ich bis jetzt nur die Möglichkeit hatte, die touristischen Zentren zu besuchen. Der Südosten um Paguera ist jedenfalls fest in deutscher Hand, man ist hier Stolz auf seinen frischen Spargel, nicht auf Tintenfische in Tomatensoße. Und wenn man nach “Tapas” fragt, wird einem der eigene Erzeuger vor die Nase gesetzt, weil man denkt, dass es sich lediglich um einen Sprachfehler handelt.
Last but not least die Aussteiger und gescheiterten Existenzen, von denen trifft man hier erstaunlich viele. Eine ehemals arbeitslose Putzfrau aus Leipzig hat mir vor einigen Tagen erzählt, dass sie den Schritt nach Mallorca zu gehen nie bereut hat. Nach 12 Jahren ohne Arbeit ist sie hier voller Optimismus, auch wenn sie zugibt, dass die Bezahlung schlechter ist und man sich mehr anstrengen muss, aber wer sucht, der findet auch. Angeboten wird alles vom Nautiksport bis zum IT-Spezialisten. Natürlich sieht man einige Gestrandete durch die Straßen El Arenals ziehen. Fern ab von Pauschaltourismus und Luxusvillen gibt es ebenso Armut. Besoffene, die mit offenen schmutzigen Hemden durch Gassen stolpern, oder goldbehangene Endvierziger, die einheimische Mädchen bezirzen. Obligatorisch auch die afrikanischen Einwanderer, die hier und da gefälschte Uhren und Sonnenbrillen an den Mann bzw. an die Frau bringen. Dort, wo Mallorca noch spanischer ist und die Kulturen aufeinandertreffen, ist alles etwas lauter und schmutziger, aber auch lebendiger.
In diesem Sinne, hasta la proxima, wie wir Spanier sagen.
Bild+Text: Tobi, der Mallorca-Reporter
