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So steht's um Deutschland.

Der Fotograf der Luftbrücke: Henry Ries

Ries in Berlin, Oktober 1946, (Detail) Nachlass

Ries in Berlin, Oktober 1946, (Detail) Nachlass

Vor 75 Jahren übernahmen in Deutschland die Nationalsozialisten die Macht. Ganz demokratisch, sie wurden gewählt. Viele Menschen verließen daraufhin das Land, denn sie mussten mit Repressalien und Schlimmerem rechnen, weil sie Juden, Liberale, Linke, Homosexuelle oder „entartete Künstler“ waren. Man kann sagen, Deutschland hat sich selbst am Gehirn operiert und dabei einen Intelligenzverlust erlitten.

Vor genau 70 Jahren war es für Heinz Ries, den 1917 geborenen Spross einer gutbürgerlichen Familie an der Zeit, seine Geburtstagsstadt zu verlassen. Im Jahr der „Kristallnacht” wurde es sogar höchste Zeit dafür. Die Ironie des Schicksals wollte es, dass er als Henry Ries – inzwischen amerikanischer Staatsbürger – genau zehn Jahre später zu einem, nein zu dem Fotografen der Luftbrücke werden sollte. Zuvor hatte er allerdings schon ausgiebig die Ruinenlandschaften in seiner Geburtsstadt (und dann auch in anderen deutschen Städten wie Dresden und Nürnberg) fotografiert, den Schwarzmarkt und die Trümmerfrauen im Bild festgehalten und auch den einen oder anderen (künftigen) Prominenten porträtiert.

“German faces” hieß eines seiner Bücher, in dem Text und Bild einander ergänzen, ohne sich bloß wechselseitig zu paraphrasieren. Das war 1950. “Auschwitz – Prüfstand des deutschen Gewissens” war der Titel eines späteren Werks, aus dem Jahr 1997, das Bilder und zeitgenössische Interviews neben Zitate des Auschwitz-Kommandanten Höß stellt.

Das Thema Deutschland ließ ihn nicht los, doch macht es nicht sein ganzes fotografisches Werk aus. So stehen etwa die vielfach ausgezeichneten formalen Experimente seiner „Helioptix”-Bilder in ihrer Buntheit scheinbar unverbunden neben seinem realistischen, journalistischen Schaffen in Schwarzweiß. Zusammen genommen zeigen sie aber eben die ganze Bandbreite seiner visuellen Intelligenz und Kreativität. Er machte zwar viele Reportagen, vor allem für die New York Times, doch dann unterhielt er vier Jahrzehnte lang in New York eine Firma für Werbefotografie und Grafik.

Besonders bewundernswert bleibt aber, mit welcher Fähigkeit und Bereitschaft zur Differenzierung der ins Exil Getriebene seiner alten Heimat begegnete. Empathie in Wort und Text zeichnen seine Arbeiten zu Nachkriegsdeutschland aus. Unbestechlich und zugleich einfühlsam dokumentierte er die Leiden der Zivilbevölkerung, aber auch die Zerstörung kultureller Werte durch die Bombardierung deutscher Städte. Er wusste, wer die Nazis waren und was sie getan hatten – und er wollte sehen und verstehen, wer die (Nachkriegs-)Deutschen waren und wie sie (über)lebten. Dass Menschen in aller Welt so etwas wie Mitgefühl für die Stadt Berlin empfinden konnten, ist nicht zuletzt seinen Bildern zu verdanken. Man wird hier natürlich zuerst an den „Landeanflug eines Rosinenbombers” denken, sein bekanntestes Foto.

Landeanflug eines Rosinenbombers in Tempelhof, Berlin 1948.

Landeanflug eines Rosinenbombers in Tempelhof, Berlin 1948.

Doch andere Bilder aus dem Berliner Alltag sind nicht minder ausdrucksstark.

Karussel im Lustgarten vor dem zerbombten Berliner Schloss, Berlin 1946.

Karussel im Lustgarten vor dem zerbombten Berliner Schloss, Berlin 1946.

Diese Fotos sind so etwas wie die visuelle Entsprechung zur Rede eines anderen Exilanten, der Rede Ernst Reuters aus dem Jahr 1948, mit dem berühmten Satz: „Ihr Völker der Welt, (…) schaut auf diese Stadt.” Ja, Ries ließ die Menschen in aller Welt auf diese Stadt schauen. Ganz nach Berlin zurückkehren wollte er jedoch nicht, er starb 2004 in den USA. „Ich war ein Berliner” heißt sein Erinnerungsbuch.

Das Deutsche Historische Museum, das auch seinen Nachlass verwaltet, zeigt gerade noch bis Ende dieser Woche eine beeindruckende Ries-Ausstellung, in deren Mittelpunkt die Berlin- und Deutschland-Bilder stehen. Nur noch bis zum 21. September! Den Katalog „Brennpunkt Berlin. Blockade 1948/49″ gibt es freilich auch noch hinterher.

Bisher in der Reihe: Alfred Lion, Hans Sahl, Walther Bensemann, Alexander Grothendieck, Konrad Wachsmann, Heinrich Eduard Jacob, Erwin Panofsky

Bilder: © Henry Ries / DHM /The New York Times

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