„Ganz schwarz, ganz schlecht.“ Zu Günter Wallraffs „Schwarz-auf-weiß“-Film

Günter Wallraff am 25.10. im Berliner Delphi-Palast
„Affen nach Afrika, Europa den Weißen“. „Ein Schwarzer in dieses Haus? Das passt einfach nicht. Das hat nichts mit Ausländerfeindlichkeit zu tun.“ Oder eben: „Ganz schwarz, ganz schlecht.“ Das sind nur ein paar Äußerungen aus der Mitte unserer Gesellschaft – Äußerungen, wie sie in Wallraffs neuestem Dokumentar-Film nicht nur Disko-Türsteher und Fußball-Faschos formulieren, sondern durchaus auch wohlsituierte Vermieter, gutbürgerlich auftretende Rentner, ganz zu schweigen von skandalösen Verhaltensweisen von Angehörigen des öffentlichen Dienstes in Ausübung ihres Berufs. Dabei sind die direkt formulierten Vorbehalte nicht einmal das Schlimmste, was der als Afrikaner verkleidete Journalist auf seiner 14monatigen Deutschland-Tour erlebt. Viel übler sind die Gesten des Abrückens, Wegrutschens, Platzwechselns, das Kopfschütteln und Lachen, das anscheinend selbstverständliche Duzen und demütigende Fragen („Lesen kannst Du aber?“). Mag sein, dass vieles davon bekannt war, aber so anschaulich und konzentriert vorgeführt wurde es wohl kaum jemals. Und so manche Geste, die man im Film sofort als Anzeichen für Rassismus identifiziert, mag einem selbst so fremd nicht sein. Vielleicht erklärt das ja die eine oder andere Abwehrreaktion.
Unumstritten ist Wallraffs Film jedenfalls nicht. Lächerliche Maskerade werfen ihm die einen vor, auf dem Ego-Trip sehen ihn die anderen, Altbekanntes werde aufgetischt, monieren wieder andere. Das Spannende an der Vielfalt der Reaktionen auf Wallraffs Film in der deutschen Medienlandschaft ist die teilweise schon sehr überraschende Unvorhersehbarkeit. Das Wohlwollen der taz ist damit nicht gemeint, das war erwartbar. Auch die Titanic bleibt ihrer Linie treu. Erstaunlicher ist schon die süßsaure Reaktion des Neuen Deutschland, das obendrein Beamte, die nach der Polizei rufen, als Kwami Ogonno alias Günter Wallraff einen Jagdschein beantragen will, als „hochgradig inkompetent“ und nicht als untragbar rassistisch einstuft. Manche Presseorgane, wie etwa die Süddeutsche Zeitung, besprechen den Film in konträrer Weise. Auf die befürwortende Vorankündigung des Films durch keinen Geringeren als H. Leyendecker folgt dort genau zwei Wochen später ein glatter Verriss durch A. Kreye. Der Bayerische Rundfunk setzt weder zur Verteidigung Rosenheims noch zur Beschimpfung Wallraffs an; beides hätte ich persönlich – offensichtlich klischeebeladen – erwartet. Dafür äußert sich der Stern erstaunlich skeptisch bis ablehnend. „Selbstverständlich wird Kwami Ogonno beschimpft, beleidigt, bedroht und diskriminiert.“ Das hält der Stern für ein Argument gegen Wallraff. Dass er, der Stern, Rassismus bereits für selbstverständlich hält, darf man auch für ein Problem halten – das leider mehr die Gesellschaft als den Stern betrifft.
Wie immer man zu dem Film stehen mag, dem Wallraff-Satz: „Jede Gesellschaft lässt sich daran messen, wie sie auf Fremde reagiert“, wird jeder zustimmen können. Und dazu erhalten die Kinogänger (und vermutlich auch die Leser des begleitenden Buches) viel bedenkenswertes Material. Das Messen und Einordnen der vorgeführten Beobachtungen muss und kann dann jeder selbst vornehmen. Unsere im Text verlinkten Artikel laden zusätzlich ein zu differenzierter Nachbetrachtung. Nachlesen kann man Wallraffs jüngste Erfahrungen, nicht nur als Afrikaner Kwami Ogonno, übrigens auch. Dafür gibt es sein Buch Aus der schönen neuen Welt. Expeditionen ins Landesinnere, heißt es.
Heia, Safari.
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